Alois Schöpf
Unsere Gesellschaft ist gespalten.
Na und?
Apropos

Eine große Verwandtschaft und ein großer Freundeskreis sind eine tolle Sache. Allerdings sollte man neuerdings, sofern man sich dieses kostbare Gut erhalten möchte, bei entsprechenden Festen eine Liste anlegen, worüber besser nicht gesprochen wird. Über Impfen zum Beispiel. Oder über Ausländer. Oder über Gendersonderzeichen. Oder über den Transit, sofern in diesem Punkt nicht ohnehin alle ins patriotische Unsinnshorn stoßen. Das hätte ich jetzt auch nicht sagen dürfen.

Denn unsere Gesellschaft ist tatsächlich gespalten, man kann heutzutage mit ein paar Sätzen die friedlichste Party kippen. Bestätigt wird die Beobachtung durch eine jüngste Meinungsumfrage des Linzer Market-Instituts, wonach sogar über 90 Prozent der Bevölkerung diese Meinung vertreten.

Aber ist das wirklich so schlimm? Ist der so oft beklagte und vor allem den sozialen Medien in die Schuhe geschobene Umstand, dass zum Beispiel Wähler rechts der Mitte mit Wählern links der Mitte nicht können und umgekehrt, tatsächlich Ausdruck einer Demokratie in der Krise?

Ist es nicht vielmehr so, dass eine sogenannte gespaltene Gesellschaft mit vielen Meinungs- und Lebenswelten doch die viel lebendigere ist als eine nicht gespaltene Gesellschaft, die auf eine Diktatur und auf die Unterdrückung von Minderheitenpositionen hinauslaufen würde.

Vielleicht besteht das Problem gar nicht so sehr in der Gespaltenheit, sondern in der Penetranz, mit der gewisse gesellschaftliche Gruppen, die oft auch an den Hebeln der medialen Macht sitzen, ihre Meinung den anderen aufs Auge zu drücken versuchen.

Das Problem ist also eher die mangelnde Diskretion, die mangelnde Weltläufigkeit, die Unfähigkeit, wie in einem Öffi-Bus freundlich neben Leuten zu sitzen, von denen man besser nicht weiß, was sie denken. Wenn sie allerdings damit herausrücken, sollte man der Debatte nicht aus dem Weg gehen. Dann nicht!

Erschienen in der Tiroler Tageszeitung am 01.08.2026

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Alois Schöpf

Alois Schöpf, Autor, Journalist, Veranstalter, geb. 1950, lebt bei Innsbruck, schreibt seit 41 Jahren in Zeitungen und Zeitschriften, zuletzt seit 34 Jahren in der Tiroler Tageszeitung, pointierte und viel gelesene Kolumnen. Er ist einer der dienstältesten Kolumnisten Österreichs. Nach seiner Tätigkeit als ORF-Fernsehredakteur für Fernsehspiel und Unterhaltung verfasste Schöpf Romane, Erzählungen, Märchenbücher und in den letzten Jahren vor allem Essays zu relevanten gesellschaftlichen Themen. Daneben schrieb er Theaterstücke und vier Opernlibretti. Schöpf war auch als Blasmusikdirigent tätig und ist Gründer der Innsbrucker Promenadenkonzerte, die er 25 Jahre lang bis 2019 leitete. Zuletzt gründete er 2020 das Online-Magazin schoepfblog, an dem 40 renommierte Autorinnen und Autoren mitarbeiten.

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