Alois Schöpf
Trotz Frieden und Wohlstand:
Wutbürger sein!
Apropos
Unlängst saß ich in einer Runde honoriger, meist nicht mehr ganz junger Zeitgenossen, die Johanna Mikl-Leitner unter die Kategorie der Normaldenkenden einordnen würde.
Im Zuge des gemütlichen Geplauders kam auch die Politik an die Reihe, womit die Gemütlichkeit ein Ende hatte. Plötzlich dominierten nämlich Angst vor der Zukunft und Wut auf Die-Da-Oben, Emotionen also, die so gar nicht zur Realität des durchaus behäbigen Wohlstands der Anwesenden passten.
Die Politiker seien allesamt korrupt und inkompetent, würden nur einkassieren und auf die eigenen Seilschaften schauen, der Herr Babler sei eine Katastrophe, die ÖVP eine Freunderlwirtschaft, die Grünen nicht zum Aushalten, von den NEOS war erst gar nicht die Rede, dafür wurde Herr Kickl, zumindest teilweise, zur Gefahr für den Fortbestand der Menschheit erklärt.
Wahrscheinlich haben sich solche Debatten, je nach Ort mit jeweils verschiedenen politischen Färbungen, an diesem schönen Spätsommernachmittag in ganz Österreich ähnlich abgespielt. Wobei weniger die Tatsache interessant ist, dass kritisiert wird, was in einer Demokratie gleichsam Bürgerpflicht ist, sondern welche Emotionen dabei hochkochten.
Könnte eine Erklärung dafür nicht sein: Bis etwa 1945 war unsere Geschichte stets Quell grausamer Ängste, vom Schicksal, individuell oder kollektiv, geschlagen zu werden, und von Wut auf eine Welt, die uns als Serie von Krisen und Kriegen, aber auch als Gefahr begegnete, frühzeitig zu erkranken und zu sterben.
Heute, nach bald 80 Jahren des Friedens und des wissenschaftlichen Fortschritts scheinen diese Emotionen arbeitslos geworden zu sein. Sie suchen nach Anknüpfungspunkten. Wobei sich die Politiker, die nicht zurück schimpfen dürfen, weil sie gewählt werden wollen, als ideale Opfer erweisen. Zumindest so lange, als noch jemand bereit ist, in diese undankbare Rolle zu schlüpfen.
Erschienen in der Tiroler Tageszeitung am 26.09.2026
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Unsere armen Politiker? Aktueller denn je ist in diesem Zusammenhang, was der ehemalige deutsche Bundespräsident, Richard von Weizsäcker, in der Wochenzeitung „Die Zeit“ bereits im Jahre 1992 anprangerte: Die Parteien entfremdeten sich zu stark von der Bevölkerung und nutzten den Staat als Selbstbedienungsladen. Im Unterschied zu damals, wo überführte Rechtsbrecher noch zurückgetreten sind, werden sie heute dafür auch noch befördert! Kein Wunder, dass da die Emotionen hoch kochen.