Alois Schöpf
Statt Globalisierung
die Idylle vom Landleben
Apropos

Vor ein paar Tagen ist der Veranstaltungskalender für den Innsbrucker Ostermarkt ins Haus geflattert. Den hat es übrigens in meiner Jugend ebenso wenig gegeben wie die Weihnachtsmärkte. Aber auch aufwändige Krampus-Umzüge und der Brauch des Advent-Fensters hat es nicht gegeben, ganz zu schweigen von den spektakulären Almabtrieben oder den Martinsumzügen der Kindergartenkinder und Schüler.

Begleitet wird diese Freude an der Rückkehr zur bäuerlichen Volkskultur durch Fernsehsendungen wie Heimatleuchten Landleben, Heimat Österreich, Land und lecker oder Landfrauen kochen, um nur einige zu nennen. Sie alle verherrlichen das Landleben, dessen natürliche Authentizität seinen Ausdruck vor allem im Dialekt findet, durch den selbst der trivialste Blödsinn zur ikonischen Weltweisheit aufsteigt.

Die musikalische Begleitung steuern, wie auch in Innsbruck ersichtlich, Volksmusikgruppen bei, deren im Alpenraum prominenteste Botschafter wie  Mei liabste Weis oder Wirtshausmusikanten beanspruchen können, mit dem Urvater Sepp Forcher die Avantgarde der verherrlichten Regionalität zu bilden. Eine Regionalität, die sich in Woodstock der Blasmusik endgültig zur zeitgeistigen Sehnsucht verpuppt, von der Globalisierung zumindest in der Freizeit, wenn es schon im Beruf nicht geht, verschont zu bleiben.

Wie international die Rückkehr in die Welt der neuen Übersichtlichkeit ist, ergibt sich auch aus der Beobachtung, dass Sendungen in den Medien boomen, die sich damit beschäftigen, wie etwa süditalienische Bäuerinnen Nudeln herstellen oder dänische Bauern ein Haus mit Seegras abdecken.

So sehr sich im derzeitigen weltpolitischen Chaos zeigt, wie fragwürdig wirtschaftlich das Konzept der Globalisierung ist, so ernst sollte man auch die Frage stellen, ob nicht die damit verbundene Idee des Multikulturalismus die Menschen massiv überfordert.

Erschienen in der Tiroler Tageszeitung am 28.03.2026

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Alois Schöpf

Alois Schöpf, Autor, Journalist, Veranstalter, geb. 1950, lebt bei Innsbruck, schreibt seit 41 Jahren in Zeitungen und Zeitschriften, zuletzt seit 34 Jahren in der Tiroler Tageszeitung, pointierte und viel gelesene Kolumnen. Er ist einer der dienstältesten Kolumnisten Österreichs. Nach seiner Tätigkeit als ORF-Fernsehredakteur für Fernsehspiel und Unterhaltung verfasste Schöpf Romane, Erzählungen, Märchenbücher und in den letzten Jahren vor allem Essays zu relevanten gesellschaftlichen Themen. Daneben schrieb er Theaterstücke und vier Opernlibretti. Schöpf war auch als Blasmusikdirigent tätig und ist Gründer der Innsbrucker Promenadenkonzerte, die er 25 Jahre lang bis 2019 leitete. Zuletzt gründete er 2020 das Online-Magazin schoepfblog, an dem 40 renommierte Autorinnen und Autoren mitarbeiten.

Dieser Beitrag hat 2 Kommentare

  1. Webhofer Reinhold

    Sehr geehrter Herr Schöpf,
    ich kann Ihnen in vielem zustimmen und stelle auch fest, dass die Idyllisierung des Landlebens mit all ihren dümmlichen Auswirkungen, z.B. dass Städterbobos plötzlich in Lederhosen und Dirndln herumlaufen, ein Reflex auf den vermeintlichen Kontrollverlust infolge Globalisierung, Migration und die Dauerkrise der Welt ist.
    Die rasanten Veränderungen der letzten Jahre und der verordnete Multikulturalismus bringen diese seltsamen Blüten hervor, die natürlich mit der Realität wenig zu tun haben, sind aber ein gutes Geschäftsmodell, das den Leuten zumindest für kurze Zeit das Gefühl einer heilen Welt gibt. Wenn die wüssten, wie das bäuerliche Leben ausschaut bzw. früher ausgeschaut hat, würde mit dieser Flucht gleich einmal Schluss sein.

  2. Doris Linser

    Schützenwesen: Traditionen zu überdenken wäre doch angebracht?
    Mit dem Argument „so war es schon immer“ wären auch andere wichtige Änderungen in unserem Land nicht erfolgt.
    In den 1980er- und 1990er-Jahren konnte man noch miterleben, dass man Frauen bei der Feuerwehr, Bergrettung usw. ablehnte und nun ist man froh über diese engagierten Frauen!
    Auch das Schützenwesen bzw.die Politik sollten Traditionen überdenken und Frauen als gleichwertige Mitglieder in allen Bereichen aufnehmen – z.B. in Salzburg bleibt das den einzelnen Kompanien überlassen.
    Jungschützen (bereits ab 10 Jahren) dürfen mit dem Luftgewehr schießen, auch Jungmarketenderinnen ist das Schießen nicht verwehrt. Beim Bataillonsschießen kürzlich im Pitztal haben Mädchen sogar besser abgeschnitten als die Burschen. Also bis zu einem gewissen Alter sind Mädchen gleichberechtigt, aber dann bei den offiziellen Veranstaltungen nur mehr fürs Schnapserl-Ausschenken zuständig.
    Auch beim Bundesheer sind Frauen ja mittlerweile schon Selbstverständlichkeit, aber in der traditionell orientierten Tiroler Politik noch immer nicht.
    Gerade in Zeiten wie diesen, in denen der Waffengebrauch soviel Unfrieden und Elend in unsere Welt bringt, sei der Gedanke erlaubt, ob auf solches militärisches Zeremoniell mit „kriegerischem Gehabe und Knallerei“ (pardon Salute) nicht verzichtet werden könnte?
    Mit freundlichen Grüßen

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