Alois Schöpf
Ohne Religion wird das Kopftuch zur Sitte.
Apropos
Das Verbot des Kopftuchs an den Schulen ist eine verzwickte Sache. Denn zum einen wird der Verfassungsgerichtshof jede Einschränkung der Religionsfreiheit und jedes Verbot, das diskriminierend nur eine der Religionsgemeinschaften betrifft, immer wieder zurückweisen.
Und zum anderen erhebt sich die Frage, wo die Religion aufhört und die Sitten anfangen, also Verhaltensweisen, die weniger zur Religion als zur Identität einer Personengruppe gehören.
Unter diesem Aspekt könnte man nämlich auch ein Lederhosen-Verbot an Wiens Schulen rechtfertigen, um die Jugendlichen vor der Seuche des alpinen Schilehrer-Machismo zu bewahren. Oder man könnte sich ein Beispiel an jenem Innsbrucker Gymnasialdirektor nehmen, der dereinst, vom Stiegenhaus herab dekretierend, gegen den von den Beatles unterwanderten Zeitgeist in Form langer Haare kämpfte.
Vielleicht sollte man zum Thema des Kopftuchverbots, statt zu streiten, als ob eine neue Türkenbelagerung bevorstünde, mehr auf jene hören, die sich als konfessionslos bezeichnen. In Wien sind sie mit 38 Prozent bereits die größte weltanschauliche Gruppe. Und sogar im Heiligen Land Tirol bringen sie es auf 22 Prozent: Also Anlass genug, ihre Überzeugungen zur Kenntnis zu nehmen.
Als Anhänger der Aufklärung sind sie nämlich der Ansicht, dass die Schulen dazu da sind, die Jugendlichen zum Vernunftgebrauch ohne Anleitung eines anderen zu erziehen, eine Fähigkeit, die mit Religion, bei der es um Glauben und Ideologie geht, wenig zu tun hat. Ihrer Ansicht nach gehört Religion nicht in die Schule, ein Ethikunterricht sehr wohl.
Durch eine konsequente Erziehung zu rationalem und wissenschaftlichem Denken würde das Kopftuch nämlich immer weniger ein religiöses Symbol als vielmehr ein Zeichen der Identität. Eine Art des Anders-sein-wollens, in diesem Fall durch verborgene statt durch lange Haare. Eher harmlos also!
Erschienen in der Tiroler Tageszeitung am 19.09.2026
Wenn Ihnen schoepfblog gefällt, bitten wir Sie, sich wöchentlich den schoepfblog-newsletter zukommen zu lassen, und Freundinnen und Freunde mit dem Hinweis auf einen Artikel Ihres Interesses zu animieren, es ebenso zu tun.
Weitere Möglichkeiten schoepfblog zu unterstützen finden Sie über diesen Link: schoepfblog unterstützen

Gedanken zum Thema Kopftuch
Am Mittwoch, den 16.9. habe ich in ORF2 die Sendung „Aktuell nach eins“ (13.30h) gesehen. Unter anderem wurde in einem Beitrag über den Alltag in Gaza berichtet.
Eine türkische Hilfsorganisation hat einen mobilen Friseur gestellt, der zwischen verschiedenen Flüchtlingslagern umherfährt, um Friseurdienste, d.h. Haare schneiden, anzubieten.
Diese Dienste werden jedoch nur für Menschen männlichen Geschlechts – von kleinen Buben bis zu alten Männern – angeboten. Sie sollen Normalität in die devastierten Lebensbedingungen der Einwohner bringen. Frauen – und auch kleinen Mädchen – werden diese Angebote nicht gemacht. Sie müssen ihre Haare – wie gepflegt oder geschnitten oder auch nicht – sowieso unter einem Kopftuch verbergen!
Wozu braucht es da einen Haarschnitt? Diese Gedanken relativieren für mich die Debatte um ein Kopftuchverbot an Schulen für junge Mädchen in Österreich. Statt der Diskussion um Sitte oder Religion verbleibt für mich nur Empörung und Entsetzen über grundlegende Menschenrechtsverletzungen.