Alois Schöpf
Musik als Übergriff
Oder:
Gibt es ein Recht auf Stille?
Notizen
So abstrus es klingen mag: Zu den schönsten Momenten der Innsbrucker Promenadenkonzerte im Innenhof der kaiserlichen Hofburg zählten die wenigen Minuten, in denen die Besucher, aber auch die Orchester auf der Bühne, schweigend darauf warteten, dass die Glocken vom Dom her erklingen würden. Danach konnte das Konzert beginnen. Dieses erwartungsvolle kollektive Schweigen, bestenfalls von ein paar über die Köpfe des Publikums hinweg sausenden Schwalben unterbrochen, war magisch!
Magische Momente ergeben sich aber auch, wenn etwa an einem typischen Innsbrucker Föhntag bei strahlendem Sonnenschein und angesichts der fast die Stadt überwölbenden Berge der Nordkette Touristen und Einheimische durch die Fußgängerzone schlendern oder bei einem Kaffee sitzen und die Stille lediglich von einem diffusen Gemurmel, Geschirrklappern und zuweilen vom kurzen Aufheulen eines Rettungswagens begleitet wird. Auch hier ein magischer Moment des innerstädtischen Friedens.
Mit solchen Arten des lärmbefreiten Wohlgefühls scheint allerdings der moderne Zeitgenosse trotz aller Klagen über die akustische Umweltverschmutzung und ihre dramatischen gesundheitlichen Folgen massive Probleme zu haben.
Wie in Aldous Huxleys Roman Schöne neue Welt nölt längst in jedem Hotelfoyer oder Wellnessbereich bluesmäßig eine Dame aus winzigen Lautsprechern oder es erklingen, da der Tonträger offenbar niemals gewechselt wird, jeden Abend von neuem dieselben Hits, sodass einen bei der Essensaufnahme im Speisesaal plötzlich Mitleid überkommt, wenn man bedenkt, dass Musikern, denen es gelungen ist, einen solchen Hit zu landen und damit viel Geld zu verdienen, zum gerechten Ausgleich das Schicksal nicht erspart bleibt, ihren Song für den Rest des Lebens bis zur totalen Selbstverblödung wiederholen zu müssen.
Aber auch in Restaurants dudelt es unentwegt aus schwarzen Kästchen, was mir in Erinnerung ruft, dass auch meiner Mutter, der allseits beliebten und geschätzten Wirtin des Gasthofes Wilder Mann in Lans, vor Jahrzehnten ein tüchtiger Vertreter Lautsprecher einzureden versuchte, um die alten Zirbenstuben des Hauses mit ich weiß nicht mehr welcher Musik zu beschallen, damals war es wahrscheinlich Billy Vaughn. Das Experiment dauerte allerdings nur wenige Tage, denn die gebildeten Herren, die meine Mutter in solchen Fällen immer um Rat fragte, winkten ab. Sie wollten musikalisch in Ruhe gelassen werden.
Mit Hintergrundmusik kann man übrigens auch meinen Freund Hansjörg Angerer, großartiger Hornist und Chefdirigent des Salzburg Wind Philharmonic Orchesters, in den Wahnsinn treiben, zu einem Wutanfall animieren oder zur sofortigen Flucht aus dem Lokal veranlassen.
Eine solche Flucht ist leider nicht möglich, wenn man sich bereits im Freien und in der Fußgängerzone einer unserer von Touristen überlaufenen Städte befindet. Dort ist es inzwischen üblich geworden, dass an jeder Straßenecke irgendein sogenannter Straßenmusikant neben seinem Lautsprecher steht, aus dem die Basslinie zu jenen drei Stücken erklingt, die er, die Stimme eines berühmten Popstars imitierend, auf der Suche nach dem Gitarrenklang eines Jimi Hendrix oder im Stil von Coleman Hawkings mit dem Saxophon röhrend, eingeübt hat. Flehentlichen Blicks hofft er, vor sich einen Hut oder einen Instrumentenkoffer für die Spenden, in seinen amateurhaften Bemühungen von den Vorübergehenden unterstützt zu werden.
Seit dem Diktum des Joseph Beuys, wonach jeder ein Künstler ist, der sich dazu erklärt, eine Erkenntnis, welche die sogenannten 1968er Revolutionäre auf ihrem Marsch durch die Institutionen bis in ihre beamteten Kulturdezernate mitgenommen haben, gilt es geradezu als Zeichen weltläufiger Urbanität, wenn solch musikalisches Pfuschertum auch noch die letzten Fleckchen innerstädtischer Stille erobert.
Einer meiner Freunde, der am Gymnasium Musik unterrichtet, befragte seine Schülerinnen und Schüler, wie oft und wie viel Musik sie pro Tag konsumieren. Nicht ohne ein gewisses Entsetzen, er ist selbst Musiker, musste er feststellen, dass die jungen Leute heute vom Frühstückswecker bis zu den Ohrstöpseln in den Öffis, von den Unterrichtspausen über den freien Nachmittag und Abend bis zur Nachtruhe ununterbrochen Musik hören.
Ihre Ohren sind verklebt mit den simpelsten Harmonien und Songs, die, ihrer rhythmischen Verzerrungen entkleidet, zuletzt nichts anderes sind als harmlose Kirchenlieder oder auf synkopische Rhythmen – ummza ummza -eingedampfte Marschmusik. Wie könnte ihnen je eine Symphonie von Gustav Mahler zugänglich sein? Schon die Kleine Nachtmusik von Mozart dürfte sie als zu lang und zu komplex überfordern.
Es geht hier jedoch weder um Kunstkritik noch um das untergehende Abendland, sondern um die Erkenntnis, dass der Musikkonsum und seine unerwünschten bzw. erwünschten Nebenwirkungen jedermanns (weibliche Personen inbegriffen) Privatsache sind.
Dies trifft allerdings dann nicht zu, wenn einer akustischen Begleitung des Alltags nicht zu entkommen ist, sei es der überlaute Rasenmäher eines pathologisch an seine Rasenflächen gebundenen Nachbars, dessen Lautstärke unzweideutig nahelegt, dass hier totale Rücksichtslosigkeit auf ein durch starke Testosteronausschüttungen induziertes Markierverhalten schließen lässt. Solches gilt übrigens auch an Ampeln, wenn sich neben den Suzuki SUV eines aus dem Konzert heimkehrenden älteren Ehepaars ein auffrisierter Skoda stellt, aus dessen Lautsprechern es bei offenen Fenstern wummert, als stünde eine mittelalterliche Hinrichtung unmittelbar bevor.
Das Quälende an akustischen Phänomenen ist eben die Tatsache, dass es nicht möglich ist, die Augen zu schließen, um ein Bild nicht zu sehen, die Nase zuzuhalten oder durch den Mund zu atmen, um einen unangenehmen Geruch zu vermeiden.
Ob Geräusch, Krach, Gespräche oder Musik, wir sind all dem wehrlos ausgesetzt. Alles, was Schallwellen verursacht, ist von Natur aus übergriffig, sofern es nicht erwünscht ist. Und es ist geradezu vergewaltigend, wenn es als bedrohlich, beängstigend oder einfach nur unerträglich empfunden wird: wir sind ihm ausgeliefert, wie ich ihm ausgeliefert war, als ich zum ersten Mal vor vielen Jahren im kärntnerischen Ossiach Tangerine Dream hörte und sofort aus dem Zelt flüchtete, in dem diese angeblichen Revolutionäre der elektronischen Musik, deren Revolutionäres eigentlich nur ihre Lautstärke war, auftraten.
Aus dieser von Natur aus gegebenen Wehrlosigkeit resultiert das unbedingte Grundrecht auf Stille. Und es resultiert daraus eine Art Beweisumkehr, also die Verpflichtung eines jeden und einer jeden, die Schallwellen produzieren, zu begründen, dass dies aus triftigen Gründen geschieht und daher, mit Verlaub, auch eine gewisse Zeit ertragen werden muss.
Mit welcher triftigen Begründung soll jedoch irgendjemand die musikalischen Darbietungen von Straßenmusikanten ertragen müssen? Beweisumkehr müsste bei ihnen wohl bedeuten, dass sie mit dem Instrument in der Hand schweigen und lediglich auf einem Plakat die Drohung festschreiben, zu spielen, wenn nicht ausreichend gespendet wird.
Denn sie sind nicht Bauern, die mit ihren Traktoren das Heu einbringen müssen. Und nicht Bauarbeiter, die mit dem Kompressor eine Wand einreißen. Sie sind im Verein mit all ihren anonym aus unzähligen Lautsprechern tönenden Kolleginnen und Kollegen die lebendigen Repräsentanten der Umweltverschmutzung mittels Musik.
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