Alois Schöpf
Vom Unsinn des Lateinunterrichts
Eine Polemik

Was war dieser Lateinunterricht anderes, als uns als Kinder und Jugendliche klein zu halten? Was war er anderes, als uns für das Erwachsenenleben zu arroganten, kolonialistischen Schnöseln zu erziehen, die ihre Aufgabe darin zu sehen hatten, der restlichen Welt die Kultur beizubringen?

Was war er anderes, als uns zu Sympathisanten jener Hass-auf-das-Leben-Lehre zu machen, mit der der geistliche Stand jahrhundertelang mit der magischen Unverständlichkeit des Latein das Volk in Schach und die Privilegien der Kirche unangetastet zu halten versuchte? Und was war dieser Lateinunterricht zuletzt anderes, als uns auf ein opportunistisches Bürgerleben in den Oberschichten der sich als Götter in Weiß selbst überschätzenden ärztlichen Berufe, eines duckmäuserischen Beamtentums und einer im Zweifel auch Todesstrafen verhängenden Rechtssprechung vorzubereiten?

Ich hatte die Ehre, ein sogenanntes Elite-Gymnasium zu besuchen. Da ich von Natur aus zäh bin, habe ich es als sozial Verwahrloster, wie mein Sohn sagt, überlebt. Für unseren Lateinlehrer, der später sogar Lehrbücher schrieb, waren wir als Zehnjährige jedenfalls der Berufseinstieg, weshalb seine allerersten Worte in seiner allerersten Stunde lauteten: In medias res!

Acht Jahre lang fünf Stunden pro Woche ging das dann so: Vokabeln lernen, die bei sogenannten Zettelschlachten abgefragt wurden, Grammatik lernen, Sätze konstruieren, Sätze übersetzen, und das alles immer wieder kontrolliert durch Schularbeiten.

Dabei kamen nicht wenige unter die Räder, sie mussten Klassen wiederholen, zuweilen sogar zweimal, oder sie schieden überhaupt aus. Unfähig, Elite zu sein. Akademischer Abfall! Produkte eines humanistischen Bildungsideals, das den Klassenvorstand am allerersten Schultag zur mit schweizerischem Akzent vorgetragenen Prophezeiung veranlasste: Nach acht Jahren werden von Euch nur noch 10 Prozent übrig geblieben sein. Er sollte Recht behalten.



Ich kann mich erinnern, dass ich selbst einmal knapp vor der Gefahr einer Wiederholungsprüfung stand. Unsere Klasse befand sich damals im vierten Stock des gründerzeitlichen Internatsgebäudes, in dem heute das Landeskonservatorium untergebracht ist. Ich hatte mir fest vorgenommen, im Falle, dass ich ein Nichtgenügend kassierte, aus dem Fenster zu springen. Zum Glück bekam ich eine Vier. Ich weiß nicht, ob ich gesprungen wäre. Ich hoffe nicht. Vorgenommen habe ich es mir aber fix.

Etwas heiterer ist die Geschichte von einer Auseinandersetzung mit Prof. Nagl, dem Lateinlehrer, dessen Ödnis wir nun schon seit acht Jahren ertragen hatten, als wir Ovid übersetzten und in einer der Geschichten des großen Dichters Äpfel, Pflaumen, Pfirsiche und Kirschen vorkamen. Prompt wurden in der nächsten Stunde diese Vokabeln geprüft. Ich wusste kein einziges und gab auf die Frage, weshalb ich sie nicht gelernt hatte, zur Antwort: Ich habe keine Lust, mich mit Dingen zu beschäftigen, die ich den Rest meines Lebens nicht mehr brauche. Worauf Professor Nagl mit zynischem Grinsen antwortete: Dann werden wir uns die Lust schon gegenseitig verschaffen.

Bei der nächsten zweistündigen, merke, Griechisch-Schularbeit, bei der wir das Lexikon verwenden durften, nahm er es mir mit der Bemerkung ab: Der Schöpf kann die Vokabeln auch ohne!

Ich bin heute noch stolz, dass ich zwei Stunden lang keine Zeile geschrieben habe, obgleich ich immer wieder, fast schon flehentlich, dazu aufgefordert wurde. Ich meldete mich nach der Schularbeit, bei der ich ein leeres Heft abgegeben hatte, bei Pater Frei, dem Direktor, um mich über die Ungerechtigkeit, die mir widerfahren war, zu beschweren. Und es wurde mir Recht gegeben. Eigens für mich allein wurde ein neuer Schularbeiten-Termin festgesetzt, mit Lexikon wohlgemerkt. Der Text, ich kann mich noch genau erinnern, den ich zu übersetzen hatte, stammte von Diodorus Sicilus und handelte von der Eroberung von Syrakus. Meine Leistung war sicherlich mangelhaft, aber es reichte zu einem Vierer. Bei einem Fünfer wäre ich erneut in der Direktion erschienen.

Vor ein paar Jahren habe ich mir die deutsche Übersetzung des De bello Gallico besorgt, weil sich mein Bruder in einem Telefonat über den Unsinn beklagte, den man uns im Lateinunterricht vorgesetzt hatte. Tatsächlich ist das vielgepriesene Buch des Egomanen und Kriegsverbrechers Gaius Julius Cäsar nichts anderes als eine dem Werk Adolf Hitlers Mein Kampf vergleichbare, allerdings eleganter geschriebene Propagandaschrift, um durch Selbstlob die Karriere in Rom zu befördern. Nach Cäsar kamen dann Sallust, Cicero, Livius, Vergil, Tacitus, aber auch Horaz und Ovid, und das gerade immer so, dass der Wechsel zum nächsten, schwierigeren Autor genau in dem Moment erfolgte, in dem man sich in den Stil des aktuell gerade vorliegenden eingelesen hatte. Latein durfte unter keinen Umständen Freude bereiten, es musste bis zur Matura ein Folterinstrument bleiben.

Nun wäre es verblendet, nicht einzugestehen, dass man durch Latein auch vieles gelernt hat. Nur eben nicht Latein, von dem mir maximal der etwas problemlosere Umgang mit Fremdwörtern und die Fähigkeit geblieben ist, unendlich lange, grammatikalisch korrekt konstruierte, jedoch für den modernen Leser kaum noch verständliche Sätze zu bilden. Dafür sind meine Englischkenntnisse beschämend.

Nein, der entscheidende Lerneffekt des Lateinunterrichts war, vor einem rätselhaften Text sitzend, tausendfach, wenn nicht hunderttausendfach die Frage zu stellen: Was heißt das nun schon wieder? Und sich mühsam aus den Versatzstücken halb erinnerter Worte einen Sinn zusammen zu reimen. Nicht unbedingt das schlechteste Training für einen Journalisten und Kolumnisten, der das marketinggesteuerte Kauderwelsch unserer Politiker auf seinen meist nichtssagenden Inhalt zu reduzieren hat.

Inwieweit dieses Training auch anderen in ihrem Leben genützt hat, entzieht sich meiner Kenntnis. Gewiss ist hingegen, dass der gleiche Effekt auch mit den Werken eines Petronius (Satyricon) oder Lukrez (De rerum natura) hätte erzielt werden können, deren atheistische bzw. hedonistische Ansichten jedoch strikt von uns ferngehalten wurden. Aber auch mit den Sprachen Sanskrit, Mandarinchinesisch, Hebräisch oder den Dialekten der Inuit wäre ein ähnlicher Lerneffekt zu erzielen gewesen. Latein hat hier kein Alleinstellungsmerkmal.

Ja, wenn es doch nur um die Fähigkeit zum folgerichtigen Denken gegangen wäre! Aber darum ging es nicht, sondern vor allem darum, uns, wie schon angedeutet, zu Soldaten zu erziehen, im ignatianischen Sinn zu Soldaten Gottes bzw. des Papstes, sofern wir eine Berufung zum Priestertum verspürt hätten, oder eben zu Soldaten des gehobenen Bürgertums, das nach Abschaffung des Adels in bester humanistischer Tradition nun die Eliten zu stellen hatte.

Mit dem Verweis auf den Holocaust sollte man sehr sorgfältig und zurückhaltend umgehen: dennoch ist es nicht nur polemisch, wenn man die Vermutung äußert, dass sich das hochverehrte humanistische Bildungsideal insbesondere in den deutschsprachigen Ländern hervorragend mit der Eugenik und der Rassentheorie vertrug und, wenn schon nicht ausschließlich unter der Leitung humanistisch gebildeter Mörder, so zumindest nicht behindert von humanistisch gebildeten Eliten im industriellen Massenmord des Holocaust seine endgültige Disqualifikation erfuhr.

Eine Disqualifikation, die im Dienste auch der die schulischen Lehrpläne miteinschließenden Vergangenheitsbewältigung gerade jetzt in Erinnerung gerufen werden sollte, wenn bei der Reduktion des Latein-Unterrichts von 1 Stunde wieder einmal der Untergang des zu einem erklecklichen Teil durch und durch verrotteten und mörderischen Abendlandes beschworen wird.


Bild: KI-generiert

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Alois Schöpf

Alois Schöpf, Autor, Journalist, Veranstalter, geb. 1950, lebt bei Innsbruck, schreibt seit 41 Jahren in Zeitungen und Zeitschriften, zuletzt seit 34 Jahren in der Tiroler Tageszeitung, pointierte und viel gelesene Kolumnen. Er ist einer der dienstältesten Kolumnisten Österreichs. Nach seiner Tätigkeit als ORF-Fernsehredakteur für Fernsehspiel und Unterhaltung verfasste Schöpf Romane, Erzählungen, Märchenbücher und in den letzten Jahren vor allem Essays zu relevanten gesellschaftlichen Themen. Daneben schrieb er Theaterstücke und vier Opernlibretti. Schöpf war auch als Blasmusikdirigent tätig und ist Gründer der Innsbrucker Promenadenkonzerte, die er 25 Jahre lang bis 2019 leitete. Zuletzt gründete er 2020 das Online-Magazin schoepfblog, an dem 40 renommierte Autorinnen und Autoren mitarbeiten.

Dieser Beitrag hat 8 Kommentare

  1. Manfred Buchegger

    S.g. Herr Schöpf, es ist natürlich Ihr gutes Recht, in einem polemischen Blog Ihre persönliche Leidensgeschichte zu verarbeiten und Ihren Frust auf diese Art abzureagieren.
    Allerdings sollte man dabei nicht vergessen, dass seit diesen „Erlebnissen“ doch einige Zeit vergangen ist und sich vieles verändert hat. Ich darf in diesem Zusammenhang ein Zitat unseres Herrn Bundespräsidenten auf die aktuelle Situation anwenden und feststellen: „So sind wir [nämlich die heutigen Latein/Griechischlehrer] nicht.“
    Gerne hätte ich Sie eingeladen, eine Stunde bei meinem Unterricht zu hospitieren, um Ihnen vor Augen zu führen, wie aktueller Unterricht in den „alten“ Sprachen mit Interesse der Schüler und Schülerinnen ablaufen kann, aber leider bin ich seit 2024 bereits in Pension.
    Ich kann Ihnen jedoch versichern, dass seit vielen Jahren engagierte Kollegen und Kolleginnen den Unterricht in den sogenannten alten Sprachen interessant, abwechslungsreich und zeitgemäß gestalten, wie es auch den Wortmeldungen in vielfältigen Medien zu dieser Angelegenheit zu entnehmen ist.
    Wenn Sie Interesse haben sollten, sich ein Bild von diesem Unterricht zu machen, lade ich Sie herzlich ein, mit mir Kontakt aufzunehmen und einen Unterrichtsbesuch bei einem meiner Kollegen an meiner ehemaligen Schule auszumachen, mit denen ich weiterhin in engem Austausch stehe.
    Mit freundlichen Grüßen.

    1. Gottfried Kapferer

      Schulfremden Personen (das sind Sie mittlerweile auch) sind Unterrichtsbesuche nicht gestattet, das müssten Sie wissen. Faseln Sie nicht von der Sinnhaftigkeit des Lateinunterrichts, das glauben Sie doch selber nicht.
      Gottfried Kapferer

  2. Rainer Haselberger

    Fünf Jahre damit vertan, Latein zu entziffern. Wieviel wertvoller wäre es, stattdessen Italienisch verstehen und sprechen gelernt zu haben, oder Französisch oder Spanisch!

  3. Elisabeth Wögerbauer

    Ich musste mich nur durchs kleine Latinum quälen, aber es hat gereicht, meine Schulzeit ordentlich zu versauen mit schlaflosen Nächten vor Angst. Der vielleicht gekonntere Umgang mit Fremdwörtern und das Verständnis von Grammatik steht in keinem Verhältnis zum großen Lernaufwand, mit dem man besser eine lebende Fremdsprache erlernt hätte. Und was den Untergang des Römischen Reichs betrifft: den wollen wir uns wohl hoffentlich nicht zum Vorbild nehmen?

  4. Andreas Braun

    Lieber Alois!
    Du hast wieder einmal den Nagel auf den Kopf getroffen!
    Die dumme Entrüstung der einschlägigen österreichischen Bildungsbürger reizt allemal zu heftigem Widerspruch! Was blieb vom idiotischen Lateinunterricht? Ich glaube nicht der geringste Erkenntnisgewinn außer „Gallia est divisa in partes tres…..“
    Wenn man die arroganten Herrschaften fragen würde, was die 1963 erfundene „light amplification by stimulated emission of radiation“ (LASER) bedeutet bzw. bewirkt hat, würden sie betreten die Nase rümpfend schweigen, obwohl diese Technologie tausendmal relevanter für unser Leben wurde als die stereotypen Latein-Schultexte es sind.
    Persönlich hatte ich – unabhängig vom bezweifelten Erkenntnisgewinn – immer eine sehr große Affinität zu Latein. Habe auch darin wenig lernen müssen, alles erschien mir immer völlig logisch und vertraut…..vielleicht war ich in meinem Vorleben ein römischer Legionär!
    Wie Du richtig schreibst: Latein ist eine Sprache, nicht mehr oder weniger……allerdings mit falscher „Bildungsmythologie“ hoffnungslos überfrachtet!

  5. Norbert Hölzl

    Die einzigen, die ernsthaft für Latein sind, sind die Lehrer, die um ihren Job bangen. Die Südtiroler brauchen auch kein Latinum. Beim Erlernen romanischer Sprachen hilft Italienisch unvergleichlich mehr als Latein.

  6. c. h. huber

    das abendland wird auch jetzt nicht untergehen, reduziert man die latein-stunden. aber ein bisserl was kann nicht schaden, denke ich, zumal in der medizin und in anderen fächern noch vieles in latein und griechisch ausgedrückt wird. allerdings sollte der unterricht lebensnah sein und nicht nur feldherren und despoten eine stimme geben.

  7. Christoph

    Bravo!!

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