Alois Schöpf
Die Saat der Achtundsechziger
ist aufgegangen.
Apropos
Als ich in den 1970-er Jahren studierte, predigten an der Universität in Innsbruck mitten in der Wirtschaftswunderzeit wortmächtige deutsche Studenten den Marxismus und verteufelten die Unternehmer als Ausbeuter.
Inzwischen ist vielen dieser Prediger, sofern sie nicht in den Extremismus abrutschten, der Marsch durch die Institutionen gelungen und sie können sich als oft wohlbestallte Pensionisten zurücklehnen und zufrieden feststellen, dass sich an ihrer Sicht auf die Wirtschaft und das Unternehmertum nicht viel geändert hat.
Brav kennen wir den Namen Karl Marx, akzeptieren kommunistische Parteien, bezeichnen die Wirtschaftsform, in der wir leben, als menschen- und umweltverachtenden Neoliberalismus und bringen all jenen, die es als Wirtschaftler zu etwas gebracht haben, ein angeblich gesundes Misstrauen entgegen. Vor allem, wenn die Herren aus den USA stammen und von Donald Trump zum Essen eingeladen werden. Daran ändert auch nichts, dass wir die Dienste ihrer Unternehmen in Anspruch nehmen.
Wen wundert es da noch, dass vor solch einem Hintergrund der Gemeinderat von Reichersberg in der Nähe von Passau den Bau eines Amazon Logistikzentrums, durch das bis zu 1500 Arbeitsplätze geschaffen worden wären, mit der Begründung abgelehnt hat, dass das dadurch verursachte Verkehrsaufkommen inakzeptabel sei.
Die Tatsache, dass sich all dies im fernen Oberösterreich abgespielt hat, ermöglicht uns Tirolern, wo sich die Dinge mit Garantie ganz ähnlich entwickelt hätten, immerhin einen klaren Kopf, um die Frage auszuhalten: Glauben wir wirklich, dass wir mit unseren postmarxistischen und Alt-68-er Ansichten über die Wirtschaft und das Unternehmertum intellektuell ausreichend gerüstet sind, um unsere derzeitige Position als verschlafenes, verschuldetes und verbürokratisiertes Schlusslicht der EU zu verbessern und unseren Wohlstand zu erhalten?
Erschienen in der Tiroler Tageszeitung am 16.05.2026
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Naja, man muss kein Kommunist sein, man braucht nur offenen Auges durch die Straßen unserer Innenstädte gehen und die immer größer werdende Zahl leerer Geschäfte sehen, um zu merken, was ein zügelloser Kapitalismus wie gerade durch Onlinehändler wie Amazon anrichten kann. Die Konzentration weniger Player in der Wirtschaft und eben auch jetzt seh- und spürbar im Handel wurde ja auch schon von Karl Marx richtig vorausgesagt. Dass es auch ökologisch ein Desaster ist, wenn Konsumgüter durch die halbe Welt geschickt werden, ehe sie ihren Endverbraucher erreichen, dass die Just-in-time-Produktion eine nicht unerhebliche Ursache für den überbordenden Transit ist, dessen sich die Bewohner/innen in den Alpentälern kaum mehr erwehren können, all diesen daraus resultierenden Fragen muss sich eine Gesellschaft stellen, wenn sie in einer halbwegs intakten Umwelt leben will, und dabei natürlich auch ihre eigenen Bedürfnisse hinterfragen. Immer mehr vom Gleichen, oder das was sie wirklich braucht, um ein halbwegs glückliches Leben zu führen.
Mag sein, dass die Alt-Achtundsechziger durch verkopfte Theorien oft mehr vernebelt haben mögen als zur Lösung der gegenwärtigen Probleme etwas beizutragen. Lösungsansätze findet man heute eher in ökologischen Diskursen, die ein anderes Wirtschaften und dessen Möglichkeiten andenken, auch wenn das bei der Mehrheit der Bevölkerung noch nicht angekommen sein mag, und da schließe ich mich auch nicht aus als Konsument. Nur gehe ich lieber in das Geschäft in der Stadt, in der ich wohne, und kaufe mir das, was ich mir vor Ort ansehen und anprobieren kann, als dass ich mir ein Paket schicken lasse, von dessen Inhalt ich dann nicht sicher bin, ob er meinen Wünschen und Vorstellungen entspricht, und ich es dann womöglich wieder zurückschicken muss. Und dass die Arbeitsbedingungen gerade bei Amazon mangels gewerkschaftlicher Vertretung alles andere als gut sind, sollte sich auch schon etwas länger herumgesprochen haben.