Alois Schöpf
Die Kunst, mit sich allein zu sein.
Apropos
Ununterbrochen wird man eingeladen, sich irgendwelchen Begeisterungsgemeinschaften anzuschließen. Das beginnt schon bei der offenbar unausweichlichen täglichen Sportberichterstattung, die beim Fußball und beim Skifahren fallweise ekstatische Höhen erreicht. Gemeinsam sind wir vor Weihnachten dann auch dabei, wenn im Fernsehen die Adventskerzen angezündet werden und sich die Moderatorinnen und Moderatoren so herzlich verabschieden, als wäre man seit Jahren intim mit ihnen befreundet.
Aber auch in den Geschäften werden wir freundlich gefragt, ob wir nicht eine Kundenkarte wollen, damit wir uns der Vorteile derer erfreuen, die sich als Unterhosenträger jener Marke zusammenschlossen, für die wir uns gerade entschieden haben. Der Höhepunkt dieses allgemein inszenierten Wir-Gefühls ist dann gekommen, wenn die Staatsspitze mit ihren Staatskünstlern zusammensitzt, um für Licht ins Dunkel als edle Spender das Fest der Liebe zu feiern.
Wer so viel öffentliche Harmonie ins Private hinüber retten kann, dem oder der sei herzlich gratuliert. Wie sehr das nicht alle können, geht aus der Tatsache hervor, dass viele froh sind, wenn die Feiertage vorbei sind.
Die Wirklichkeit ist nämlich sperrig und die Beziehungen kompliziert. Das beginnt schon bei den Themen, die um des Friedens willen nicht angeschnitten werden sollten. Und es setzt sich fort bei Spannungen mit Leuten, die man trotz des köstlichen Weihnachtsbratens eigentlich nicht mag. Zu oft werden so aus der verordneten glücklichen Gemeinschaft quälende Stunden der Verlogenheit. Manchmal kracht es auch.
Wer solchen Gefahren entgehen möchte, sollte die hohe Kunst beherrschen, mit sich allein sein zu können. Dies bedeutet: Sich von den Glücksvorstellungen der anderen unabhängig zu machen. Der uralten Weisheit gemäß: Allein wirst du geboren, allein wirst du sterben. Vergiss es nicht in der Zwischenzeit!
Erschienen in der Tiroler Tageszeitung am 27.12.2025
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