Alois Schöpf
Der Gesang der Bergleutlein
Märchen
Die Unterirdischen verstehen sich auch auf das Absingen schöner Lieder, haben feine, wohlklingende Stimmen und einen untrüglichen Sinn für die Harmonie. Im Emmental in der Schweiz nennt man sie Bergleutlein, weil sie ihre Wohnungen in den Felsen haben, oder auch Nachtvölklein oder Nachtleutlein, weil sie sich nur des Nachts sehen lassen. Zwerge nennt man sie, wenn man auf ihre kleine Gestalt anspielen möchte.
Aus der genannten Gegend wird nun folgende Geschichte überliefert: Auf einem Hof lebten einmal zwei Knechte, ein Melker und ein Herdknecht. Letzterer schrie, wenn er meinte, zu sprechen, schlug drein, wenn er glaubte, anderer Meinung zu sein, war also ein ungehobelter und einschichtiger Mensch, quälte die Tiere und zog immer her über Gott und das schöne Geschlecht. Das einzig Gute, das man ihm nachsagen kann: er hatte eine wohlgebildete, klingende Stimme, mit der er es verstand, sich einzuschmeicheln, sofern er mit seinem Jähzorn und seiner Wildheit zu weit gegangen war.
Wenn er eines seiner Lieder sang, auf der Gitarre dazu spielte, da verzog sich der verbittertste Mund zu einem Lachen, und die ausgedörrtesten Augen befeuchteten sich, je nachdem, ob er es lustig oder traurig, oder beides zusammen wollte. Keiner verstand es wie er!
Ganz anders der Melker. Der brachte selbst dann den Mund nicht auf, wenn er reden sollte, rührte sich nicht vom Fleck, wenn es darum ging, einen Vorteil zu ergattern, er behandelte die Tiere ehrfürchtig wie Gefährten der Menschen, war also ein braver, anständiger Kerl, gern gesehen, weil er nicht auffiel, aber bei aller Sittsamkeit doch ein langweiliger Gesellschafter, nichts von dem konnte er in die Waagschale werfen, was das Dasein, wenn nicht verschönert, so doch kurzweilig macht.
An einem Sonntagabend nun ging der Melker von seinem Heimatort durch den Wald zum Hof zurück, wo er arbeitete. Dabei kam er an einem Stadel vorbei, daraus erklang ein Gesang, so schön und melodisch, dass er vermeinte, die himmlischen Heerscharen jubilieren zu hören.
Er setzte sich hin, achtete der Tageszeit nicht, blieb bis tief in die Nacht, lauschte und lauschte und war ganz verzückt von so viel Schönheit und Wohlklang. Spät nach Mitternacht hörte er dann Stimmen und Stühlerücken, und da sprang er rasch auf, versteckte sich hinter dem nächstbesten Baum und sah, wie die Bergleutlein, jedes einen hölzernen Schemel in der Hand, den Stadel verließen und, bewehrt mit kleinen Fackeln, in Richtung Berge davonwanderten.
Auch er kehrte durch den nächtlichen Wald nach Hause zurück. Am folgenden Sonntag jedoch erklangen wieder die betörenden Lieder, und als der Herdknecht dem Melker bei seiner Rückkehr in der Nacht begegnete und sein strahlendes, glückliches Gesicht sah, verbreitete er das Gerücht, der langweilige Patron habe endlich einen Schatz gefunden und gehe des Sonntags poussieren, was ihm solche Freude bereite, dass er auf dem Heimweg keine Laterne benötige, so leuchte er aus dem Gesicht.
Der Melker wehrte sich nicht gegen solche Verdächtigungen, zumal sie seiner Mannesehre schmeichelten und den Gesang der Bergleutlein ein Geheimnis bleiben ließen. So viel wusste er nämlich aus alten Geschichten, dass es ein großer Glücksfall ist, den kleinen Wesen zu begegnen. Die Bergleutlein bemerkten allerdings bald, dass sie belauscht wurden, sie sind da sehr empfindlich, und so konnte das stille Musikvergnügen nicht ewig währen.
Die erste Zeit unternahmen sie nichts, weil sie spürten, dass der nächtliche Gast ein gutes Herz und noch keinem Wesen etwas zuleide getan hatte. Da er jedoch alle Sonntage kam, sich hinsetzte und nicht eher ging, als sie endigten, legten sich zwei von ihnen auf die Lauer, und als der Melker es sich gerade bequem gemacht hatte, traten sie vor und stellten ihn zur Rede, was er wolle und weshalb er sie nicht in Ruhe lasse.
Er antwortete: Es kam mir nicht in den Sinn, euch zu stören, und wenn ich es tat, werd ich gleich gehen. Euer Gesang hat mir derart gefallen, dass ich es nicht beschreiben kann. Ein neuer Mensch bin ich, seitdem ich ihn höre.
Da schauten die Zwerge einander an und waren mächtig stolz auf ihre Kunst, und sie nahmen den erstaunten Melker bei der Hand und führten ihn in den Stadel. Dort saßen die anderen Zwerge, teils auf den Schemeln, teils droben im Heu, Männer und Frauen, in der Mitte des Raumes aber brannte ein Feuer, und obgleich die Flammen hoch aufschlugen, entfachten sie weder das Holz noch das Heu: solche Stückeln bringen eben nur die Bergleutlein zuwege.
Dem Melker wurde nun ein Platz zugewiesen, und der Amann der Bergleutlein, der auch der Kapellmeister war, sagte: Wenn du schon so gern zuhörst, dann sing auch gleich mit! Da schüttelte der Knecht den Kopf: Wenn ihr nur wüsstet, welch entsetzliche Stimme ich habe! und als die Bergleutlein es nicht glauben wollten, ihn nur für bescheiden hielten, sang er einen Ton, den sie ihm vorgaben, und das tönte gar schrecklich und war nicht zum Anhören.
Die Bergleutlein aber, die weder Schadenfreude noch Spott kennen, lächelten, und ihr Anführer sprach: Das haben wir gleich, das Wichtigste bringst du ja selbst mit, die Liebe zur Musik! und er bog dem Melker den Kopf zurück, dass die Kehle freilag, drückte daran herum, presste und knetete den Hals, murmelte einige Sprüchlein dazu, dann sagte er: Jetzt probier es noch einmal! und da sang der Melker und seine Stimme war schön, mächtig und klingend, dass die Zwerge ehrfurchtsvoll die Augen aufrissen und insbesondere die kleinen Damen heranrückten, um dem Künstler näher zu sein.
Und nun wurde gesungen, der Melker sang fleißig mit, bekam auch, kaum dass er die ersten Unsicherheiten hinter sich hatte, die nötigen Soli, bei denen er sich zu immer höheren, gewagteren Koloraturen verstieg, und so gestaltete sich die Musik doppelt schön, die menschliche Stimme harmonierte vollendet mit den hohen, zarten Stimmchen der Bergleutlein. Und noch stärker strahlte diese Nacht des Melkers Gesicht, als er die Schlafkammer betrat und vom Herdknecht ausgefragt wurde. Aber nichts sagte er, nur eine verteufelte Idee kam ihm, während er schwieg und vor sich hinschaute.
Am nächsten Sonnabend nämlich, als sich die jungen Leute wie üblich im Hinterzimmer des Dorfgasthauses versammelten, ein Ereignis, an dem er noch nie teilgenommen hatte, für ihn konnte ja weder der Reichtum werben noch das anziehende Äußere – wie auch immer, diesmal gab er sich einen Ruck, nahm allen Mut zusammen, und schon stand er in der Tür, konnte nicht mehr zurück, sie hatten ihn gesehen.
Ganz ruhig wurden sie, starrten auf ihn wie auf ein fremdartiges Wesen, endlich erbarmte der Herdknecht sich seiner, hinter dem größten der Tische rief er hervor: Ja, Melker, gehst grad dein Schätzeli suchen? und sie donnerten los vor Lachen, es war einfach zu komisch, sich den unscheinbaren Melker als entflammten Liebhaber vorzustellen. Der also Angesprochene aber lächelte verlegen, ging auf den Tisch zu, an dem der Herdknecht saß, und jetzt schoben sie ihm einen Stuhl hin, er nahm Platz darauf. Die Unterhaltung wandte sich wieder anderen Dingen zu, man hatte gar nicht erwartet, von ihm eine Antwort zu bekommen.
So vergingen die Stunden, die Stimmung wurde ausgelassener, der Herdknecht langte zur Gitarre und begann zu singen, alle rückten zusammen, Burschen und Mädchen versammelten sich um den Sänger und begleiteten ihn oder lauschten andächtig, zwischendurch fragte einer, weil es am Land so Sitte ist, einen neu Hinzugekommenen mit kleinen Unverschämtheiten zu ärgern: Was singst jetzt so, Melker, wenn du z‘ Stubeten gehst und das Fensterl nicht aufgeht? Und gleich hieß es: Jetzt nenn deinen Schatz! Der Melker aber lief rot an bis über die Ohren und wehrte sich: Ich hab keinen Schatz!, und sie lachten ihn aus: Was, du hast keinen Schatz, was hast´ denn dann die letzten Sonntage getan? – Singen gelernt hab ich! – Singen gelernt hast du, Singen gelernt! Über den tolpatschigen Versuch, sich aus der Bedrängnis zu retten, mussten sie lachen, fast ins Husten und Würgen gerieten sie darob und kamen sich mächtig gescheit vor. Jetzt kannst also singen? fragte ihn einer, als sich der Lärm gelegt hatte. Jaja! gab der Melker zurück, ohne das Gesicht zu verziehen: Jetzt bin ich ein Meister darin!
Da sprang der Herdknecht auf, lachte wild und rief: Singen, das kann hier nur einer und der bin ich. Wer untersteht sich, mich herauszufordern? Der Melker war klug genug, die anderen reden zu lassen. Der fordert dich heraus! riefen sie, und als der Herdknecht sich auf ihn stürzen wollte, um den Wettstreit anderweitig nicht aufkommen zu lassen, drückten sie ihn unsanft auf die Bank zurück, beugten sich zum Melker hinab und fragten: Und? Nimmst an? – Jaja! gab er zur Antwort. Ich sing schon, wenn er mir das Instrument nicht kaputt macht vor Neid!
Da lachten sie und freuten sich über die Antwort, ein Bursch setzte sich neben ihn, groß wie ein Kleiderschrank, der beste Raufer im Emmental, und er sprach: Ich stell die edle Kunst unter meinen Schutz, und niemand wird es wagen, daran mit seinen Fingern herumzutappen. Und jetzt singt ihr beide ein Lied, und du, Herdmacher, sei gewarnt! Der verstand, gezwungenermaßen, obgleich der Jähzorn ihm das Blut ins Gesicht getrieben hatte, es wurde still im Raum, er stimmte die Gitarre und sang ein schönes heimatländisches Lied mit Refrain, bei dem alle zweistimmig mitsingen konnten, und mehr laut als schön erklang es durchs Wirtshaus, aber wer der Anwesenden hatte je etwas anderes gehört? Den meisten erschien es als die höchste Kunst.
Und so schauten sie am Schluss alle zum Melker hin, als wollten sie ihn fragen, wie er solche Meisterschaft zu überbieten gedenke. Der langte nach dem Instrument des Herdknechts, stand auf, schaute sich um und sagte: Weil ihr euch nach meinem Schatz erkundigt habt: ich hab noch keinen, wenngleich ich schon lange jemanden wüsste und sie könnte mich nicht nur auf dem Instrument hier begleiten!
Und er reichte die Gitarre über die Köpfe seiner Nachbarn hinweg zur Tochter eines vermögenden Bauern hin, die wusste nicht, wie sie wegschauen sollte, so schämte sie sich, vom armen Melker angegangen zu werden. Zu guter Letzt ließ sie sich aber herbei, den Spaß nicht zu verderben, summend gab der Melker ihr den richtigen Dreiklang an, und nun begann er ein langes, erzählendes Lied, wie die Zwerge es ihn vom Heraufkommen einer neuen, glücklichen Zeit gelehrt hatten, mit allen nötigen kunstvollen Einflechtungen, mit allerlei dramatischen Verwicklungen, melodischen Klagen und abschließenden freudigen Juchezern.
Da vergaßen sie alle, einschließlich des Herdknechts und der hochmütigen Bauerstochter, noch ein Wörtchen zu sagen, der Mund stand ihnen offen vor Staunen, sie erkannten den armseligen, langweiligen Melker nicht wieder. Der sang ja beileibe, wie es die besten aus der Stadt nicht konnten, einige unter den Zuhörern waren ja schon einmal dort gewesen, so dass sie sich das nötige Urteil zutrauten.
Das Beifallklatschen und Rufen wollte nicht enden, die Gäste aus den anderen Räumen schauten herein, um sich zu erkundigen, was der Anlass des Aufruhrs sei. Der Melker musste noch einmal singen, und die ihn auf der Gitarre begleitet hatte, setzte sich nun freiwillig an seine Seite, der Herdknecht aber war längst aufgesprungen und hatte maulend und von allen verlacht das Gasthaus verlassen.
Und ab diesem Moment war dem Emmental ein Sängerkönig erstanden, und der war gescheit genug, das Geheimnis nicht zu verraten, wo er die Kunst erworben hatte, und so vergrößerte sich sein Ruhm, er wurde berühmt, erhielt Besuch von vornehmen, geldschweren Herren, reiste ins Ausland, verdiente dort viel Geld, heiratete mit Pomp und Trara, man rechnete es ihm hoch an, dass er dabei keine Fremde erwählte, wie sie zu Dutzenden unter seinen Gästen auftauchten, sondern bei derjenigen blieb, die er sich schon zu Beginn an jenem ersten Abend auserwählt hatte.
Ja, bei allem Glück, das die Welt ihm zu Füßen legte, vergaß er nie, immer wieder zurückzukehren, den Bergleutlein einen Besuch abzustatten und sie mit Geschenken aus all den Ländern, die er bereist hatte, zu erfreuen. Sie dankten es ihm, indem sie ihm immer neue und immer schönere Lieder lehrten. So ist es geblieben bis zu seinem Tod. Im Testament, das er hinterließ, hat er dann sein Geheimnis verraten und alle Welt dazu ermahnt, die Unterirdischen stets mit Ehrerbietung zu behandeln.
Aus: Alois Schöpf. Der Traum vom Glück. Ausgewählte Alpensagen. Limbus Preziosen.
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