Alois Schöpf
Das Ende der Geschichte
dauert noch.
Apropos

Nach der Befreiung der osteuropäischen Staaten von der kommunistischen Diktatur und dem Ende der Sowjetunion veröffentlichte der amerikanische Politikwissenschaftler Francis Fukuyama im Jahr 1992 sein vieldiskutiertes Buch Das Ende der Geschichte

Darin stellt er die These auf, dass es zur liberalen Demokratie keine denkmögliche Alternative gibt. Die Geschichte sei, zumindest von der politischen Konzeption her, damit an ihr Ende gekommen. Die Welt müsse nur noch in ein Zeitalter von Aufklärung, Freiheit und Menschenrechten einmünden.

Dass es anders gekommen ist, trug dem Professor aus Stanford viel Spott ein. Ja, es war zeitweise sogar Mode, die eigene Kompetenz und Rechtgläubigkeit durch eine abwertende Bemerkung über Fukuyama unter Beweis zu stellen. Inzwischen gilt Das Ende der Geschichte als veraltet. Man zitiert es nicht einmal mehr.

Umso überraschender war das Statement des im Exil in Berlin lebenden, prominenten russischen Dissidenten und Schriftstellers Viktor Jerofejew, der zum Literaturfestival Sprachsalz 2025 in Kufstein eingeladen war und mit seinem Roman Der große Gopnik eine bitterböse Satire über Putin geschrieben hat. 

Auf die Frage, wo er die Zukunft Russlands sehe, antwortete Jerofejew: Sie kann nur in Europa und im Rahmen der Europäischen Werte – siehe oben – von Demokratie und Freiheit liegen.

Könnte es sein, wenn so ein bedeutender Mann wie Jerofejew das sagt, dass Fukuyamas Thesen doch nicht veraltet sind? Dass der prognostizierte Erkenntnisprozess nur eben viel länger dauert als angenommen. Und dass es tatsächlich zu unseren liberalen Demokratien, bei aller Kritik, die aber geäußert werden darf, kein besseres Denkmodell gibt?

Ich bin vielleicht naiv, aber überzeugt, dass dem so ist. Der überzeugendste Beweis besteht darin, dass fast alle, die von zuhause abhauen, ausgerechnet zu uns kommen wollen. Warum wohl?

Erschienen in der Tiroler Tageszeitung am 20.09.2025

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Alois Schöpf

Alois Schöpf, Autor, Journalist, Veranstalter, geb. 1950, lebt bei Innsbruck, schreibt seit 41 Jahren in Zeitungen und Zeitschriften, zuletzt seit 34 Jahren in der Tiroler Tageszeitung, pointierte und viel gelesene Kolumnen. Er ist einer der dienstältesten Kolumnisten Österreichs. Nach seiner Tätigkeit als ORF-Fernsehredakteur für Fernsehspiel und Unterhaltung verfasste Schöpf Romane, Erzählungen, Märchenbücher und in den letzten Jahren vor allem Essays zu relevanten gesellschaftlichen Themen. Daneben schrieb er Theaterstücke und vier Opernlibretti. Schöpf war auch als Blasmusikdirigent tätig und ist Gründer der Innsbrucker Promenadenkonzerte, die er 25 Jahre lang bis 2019 leitete. Zuletzt gründete er 2020 das Online-Magazin schoepfblog, an dem 40 renommierte Autorinnen und Autoren mitarbeiten.

Dieser Beitrag hat einen Kommentar

  1. Rainer Haselberger

    Das Pendel der Vernunft schlägt momentan in Richtung Autoritarismus und religiöse oder nationale Identität.
    Es ist davon auszugehen, dass sich diese Ideologien unfähig zeigen werden, die Probleme der Menschheit nachhaltig zu lösen, aber dass sie zu einem weiteren Auseinanderklaffen von Entscheidern (Autoritäten) und Betroffenen (das Volk) führen müssen. Folge davon wird eine Revolution (nicht unbedingt gewaltsam) mit dem Ziel sein, diese Kluft zu schließen, deren Ausgang das Pendel in die andere Richtung ausschlagen lassen wird.
    Das hoffe ich zumindest!

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