Alois Schöpf:
Begegnung mit Ingeborg Bachmann
beim Verlassen der Tiefgarage
Notizen

Als ich noch die Innsbrucker Promenadenkonzerte leitete, fuhr ich oft kurz vor oder kurz nach 23:00 Uhr nach Hause. Zur Ablenkung schaltete ich das Radio ein und ärgerte mich immer wieder über den schlechten Empfang von Ö1 im  unterirdischen Bunker neben dem Landestheater. So auch an diesem Abend, an dem nur Kratzen, Knacken, Knarxen, Quietschen und Jaulen zu hören waren. War es wirklich unverschämt, sich für die saftigen Standgebühren, die man allabendlich zu berappen hatte, einen besseren Empfang zu wünschen?

Ich verließ den Ort der unfreiwilligen Kakophonie also so rasch wie möglich, um auf der Straße angelangt feststellen zu müssen, dass sich an den Misstönen nichts geändert hatte, sodass ich die Funktionstüchtigkeit des Autoradios in Zweifel zog. Das Umsteigen auf andere Sender widerlegte jedoch den Verdacht. Bis unvermutet Ö1 wieder funktionierte und die tröge Stimme des Avantgarde-Spezialisten Lothar Kneissl mich darüber belehrte, dass ich soeben in der Sendereihe “Zeit-Ton” das bedeutende Werk eines zeitgenössischen Komponisten anzuhören das Privileg gehabt hatte. Die angebliche Funkstörung war also das Kunstwerk. Ein weiterer Grund, weshalb ich jedem eine Klage androhe, der es wagt, mich Künstler zu nennen.

Und das bezieht sich keineswegs nur auf die Musik. An einem anderen dieser Abende nämlich beglückte mich die Lesung eines Gedichts, dessen Bedeutungschwere ich zuerst der Stimme des Vortragenden zuschrieb, bis sich die schrägen Metaphern allzusehr häuften und das Ganze noch mit einer grotesken Selbstüberhöhung des Autors bzw. der Autorin einherging, der oder die sich gerade wie ein Eber oder eine Sau in der Kuhle des Selbstmitleids wälzte. Ich kann mich bis heute nicht erinnern, jemals einen solch geballten, eitlen Schwachsinn gehört zu haben, weshalb denn entsprechend meine Neugier wuchs und ich mir die Frage stellte, wem es da wieder einmal gelungen war, bar jeden Könnens und Geschmacks eine Sendung im Heiligtum der nationalen Hochkultur zu ergattern. Die Lesung dauerte übrigens so lange, dass ich zuhause angelangt noch eine Weile in der Garage warten musste, bis sich das Geheimnis lüftete.

Es war eine Dichtung der Ingeborg Bachmann, deren Geburt vor 100 Jahren dieser Tage gedacht wird, deren Werk zahlreichen GermanistenInnen eine Existenzgrundlage schuf, über die nach vielen bereits erschienenen Büchern nun einige weitere erscheinen und über die sich die vereinigten KulturredakteureInnen im Zeitton tiefster Verehrung nicht satt schreiben können.

Als Musiker und Musikliebhaber ist man nur noch tieftraurig darüber, wie unmusikalisch verkopfte Neutöner den Ruf ihrer musikalischen Kollegen und der zeitgenössischen Musik ruiniert haben und zugleich als ewig seinen Pflichten nicht nachkommender Vielleser froh darüber, triftige Gründe dafür zu haben, eine elenden Kitsch produzierende Dichterin nicht lesen zu müssen.

Wenn Ihnen schoepfblog gefällt, bitten wir Sie, sich wöchentlich den schoepfblog-newsletter zukommen zu lassen, und Freundinnen und Freunde mit dem Hinweis auf einen Artikel Ihres Interesses zu animieren, es ebenso zu tun.


Weitere Möglichkeiten schoepfblog zu unterstützen finden Sie über diesen Link: schoepfblog unterstützen

Alois Schöpf

Alois Schöpf, Autor, Journalist, Veranstalter, geb. 1950, lebt bei Innsbruck, schreibt seit 41 Jahren in Zeitungen und Zeitschriften, zuletzt seit 34 Jahren in der Tiroler Tageszeitung, pointierte und viel gelesene Kolumnen. Er ist einer der dienstältesten Kolumnisten Österreichs. Nach seiner Tätigkeit als ORF-Fernsehredakteur für Fernsehspiel und Unterhaltung verfasste Schöpf Romane, Erzählungen, Märchenbücher und in den letzten Jahren vor allem Essays zu relevanten gesellschaftlichen Themen. Daneben schrieb er Theaterstücke und vier Opernlibretti. Schöpf war auch als Blasmusikdirigent tätig und ist Gründer der Innsbrucker Promenadenkonzerte, die er 25 Jahre lang bis 2019 leitete. Zuletzt gründete er 2020 das Online-Magazin schoepfblog, an dem 40 renommierte Autorinnen und Autoren mitarbeiten.

Dieser Beitrag hat 3 Kommentare

  1. Lisa Maier

    Ich würde mit Bachmann nicht so streng ins Gericht gehen, der Vorwurf des Kitsches hält einer genaueren Betrachtung nicht stand.

    Was aber tatsächlich nur so vor Peinlichkeit trieft, ist diese eitle und gleichsam erbärmliche jährliche Inszenierung einer sogenannten „Kulturelite“, die sich nicht zu schade ist, sich im Glanze einiger auserkorener „Säulenheiliger:innen“ wie Bachmann zu wälzen, nur um aller Welt demonstrativ ihre überlegene Progressivität vorzuführen.

  2. c. h. huber

    es gibt durchaus viele texte von ingeborg bachmann, die jedermann verstehen kann! schade, dass du offenbar nur die hermetischen gehört hast!

    1. Helmut Schiestl

      Meinen Sie damit das allljährliche Bachmann-Preis-Ritual, das eben erst wieder vergangenes Wochenende über die ORF-Bühne in Klagenfurt gegangen ist? Da muss ich Ihnen zustimmen! Auch heuer wieder würden die Texte, die ich gehört habe, sich in einem Feuilleton gut machen, aber preiswürdig fand ich sie nicht! Eine Bekannte von mir meinte neulich, vielleicht wäre es besser, den Bachmann-Preis nur mehr alle fünf Jahre auszurichten, vielleicht wäre dann die Ernte ertragreicher! Und unter Kitschverdacht würde ich die Gedichte der Ingeborg Bachmann natürlich auch nicht stellen!

Schreibe einen Kommentar