Alois Schöpf
Als wir mit B.B. den Sex entdeckten.
Apropos

Wir leben in einem sehr prüden Zeitalter. In der Öffentlichkeit wird bestenfalls in der Sprache der Wissenschaft über Sexualität gesprochen. Persönlich schweigt man sich lieber aus. Man will sich nicht blamieren. Die Jungen finden die Alten ohnehin abtörnend und die Alten staunen über das Neobiedermeier der Jungen mit ihren aufgemotzten Hochzeiten. Der Gegensatz zu ihrer eigenen Jugend könnte größer nicht sein.

Der Tod von Brigitte Bardot erinnert an dieses allgemeine Schweigen. Denn sie, die Schöne und Begehrenswerte aus bürgerlichem Haus, stand gleichsam am Eingangstor, an dem die Erforschung einer Sexualität begann, die sich bei unseren Eltern noch geheim unter der Bettdecke vollzogen hatte und deren Wahrheiten erst der Kinsey Report mittels Statistik öffentlich machte. Dadurch wurde ab 1953 eine Revolution ausgelöst.

Wie immer im Kielwasser der USA wurde die Sexualität auch hierzulande für die im beginnenden Wirtschaftswunder der Nachkriegszeit Geborenen plötzlich zum persönlichen Abenteuer, das, geschützt durch Antibabypille, Antibiotika und die Straffreistellung der Abtreibung, als Befreiung aus Jahrhunderte alten Zwängen erlebt wurde.

Heute gibt es diese Reise ins Ungewisse nicht mehr. Wir wissen fast alles über die Sexualität. Die nicht enden wollende Speisekarte der Lüste, wie sie die Pornoindustrie uns mit wenigen Klicks anbietet, hat das letzte Geheimnis der körperlichen Liebe eliminiert, für die Brigitte Bardot mit unvergleichlicher Eleganz und, aus heutiger Sicht kann man es nicht anders sagen, mit Unschuld geworben hat.

Ihr Tod ruft in Erinnerung, welche Abgründe zwischen den Generationen bestehen. Zwischen jenen, die in eine neue Freiheit aufbrachen, die es dann doch nicht so ganz war. Und jenen, die durch Wissenschaft und Internet alles wissen und vor dem Problem stehen, wie sie ihre Liebe vor diesem Wissen schützen können.

Erschienen in der Tiroler Tageszeitung am 03.01.2026

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Alois Schöpf

Alois Schöpf, Autor, Journalist, Veranstalter, geb. 1950, lebt bei Innsbruck, schreibt seit 41 Jahren in Zeitungen und Zeitschriften, zuletzt seit 34 Jahren in der Tiroler Tageszeitung, pointierte und viel gelesene Kolumnen. Er ist einer der dienstältesten Kolumnisten Österreichs. Nach seiner Tätigkeit als ORF-Fernsehredakteur für Fernsehspiel und Unterhaltung verfasste Schöpf Romane, Erzählungen, Märchenbücher und in den letzten Jahren vor allem Essays zu relevanten gesellschaftlichen Themen. Daneben schrieb er Theaterstücke und vier Opernlibretti. Schöpf war auch als Blasmusikdirigent tätig und ist Gründer der Innsbrucker Promenadenkonzerte, die er 25 Jahre lang bis 2019 leitete. Zuletzt gründete er 2020 das Online-Magazin schoepfblog, an dem 40 renommierte Autorinnen und Autoren mitarbeiten.

Dieser Beitrag hat einen Kommentar

  1. c. h. huber

    ja, einerseits nimmt die prüderie vor allem bei jungen menschen zu, andererseits feiert die pornoindustrie fröhliche urständ. das eine die folge des anderen? aber sind wir alten nicht auch schuld daran, weil wir uns jedes wort von moralisten verbieten lassen, das jenen nicht gefällt? wobei es natürlich wirklich solche gibt, wo wir das verstehen. doch grundsätzlich bin ich gegen jegliche bevormundung von wem auch immer.

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