Albert Schwarzmann
Premiere von
"Don Quichotte" von Jules Massenet
am Tiroler Landestheater
Besprechung
Die Oper Don Quichotte nach dem bekannten Stoff von Miguel Cervantes war ab ihrer Premiere 1910 ein herausragender Erfolg mit Aufführungen quer durch Europa. Der Erfolg beruhte wohl sehr auf der wunderbaren farbenreich instrumentierten spätromantischen Musik von Jules Massenet, verbunden mit einem Stoff, der der Regie eine Menge an Spielraum lässt, die Spannungen zwischen realer und Traumwelt auszudeuten und zu gestalten.
Mittlerweile ist diese Oper mehr zu einer Rarität geworden, die lediglich sehr profunden bis fanatischen Opernkennern geläufig ist, immerhin mit einer Aufführung bei den Bregenzer Festspielen 2019. Auch das hat wohl seine Gründe in der Oper selbst.
Zum einen sind die drei Hauptprotagonisten Don Quichotte, La belle Dulcinée und Sancho Panza alle für tiefere Stimmfächer komponiert, zum anderen werden vor allem die ersten drei von fünf Akten in hohem Maße von Don Quichotte dominiert, wodurch die Spannung und Dramaturgie sehr an einer einzelnen Person hängt, die neben ihren stimmlichen und musikalischen Qualitäten über eine starke Bühnenpräsenz und Darstellungskraft verfügen sollte.

Oliver Sailer als Don Quichotte
Die Premiere startete mit einem Gag, indem einige Protagonisten zum Beginn des Orchestervorspiels ein zu spät kommendes Publikum auf der Suche nach ihren Plätzen mimten, quasi um das Publikum mit ihrem Verschwinden aus dem Zuschauerraum in die Welt der Fantasie von Don Quichotte zu entführen.
Regie, Bühnenbild und Kostüme vermittelten schlüssig die Gegensätze zwischen Realität und Fantasie und gaben der Oper im Wesentlichen einen stimmigen Rahmen. Die Idee, jene Räuberbande, welcher Don Quichotte nachjagt, in kitschige Cowboykostüme zu gewanden, war vielleicht doch etwas zu banal und billig, da könnte man durchaus noch nachschärfen.

Camilla Lehmeier als Dulcinée und Oliver Sailer als Don Quichotte, Tanzensemble und Chor
Das von Matthew Toogood geleitete TSOI bot viele sehr schöne musikalische Momente, vor allem in den lyrischen Passagen, insbesondere Englischhorn und Horn seien hervorgehoben. Bei einigen lebhaften Stellen hatte der Rezensent durchaus das Bedürfnis nach einer Spur spritzigerer Artikulation. Einige kleine Intonationstrübungen und ein nicht immer ganz ausbalanciertes Blech sollen den sehr guten Gesamteindruck nicht schmälern.
Sehr gut disponiert zeigte sich der Chor mit Extrachor des Tiroler Landestheaters. Stimmig eingebunden waren auch die Szenen des Tanzensembles.
Die Sängerinnen und Sänger der relativ kleinen Nebenpartien waren allesamt sehr gut disponiert. Bei den Hauptrollen beeindruckte Camilla Lehmeier als La belle Dulcinée stimmlich wie darstellerisch überzeugend. Ihr dunkles Timbre passt exzellent zu dieser Rolle.

Chamilla Lehmeier und Oliver Sailer als Dulcinée und Don Quichotte
Benjamin Chamandy als Sancho Panza unterstrich seine Bühnenerfahrung an einigen großen Spielstätten, ist allerdings auf den ersten Blick als stattlicher junger Mann nicht das, was man sich unter dem Diener eines schrullig verrückten Ritters vorstellen mag. Zuletzt jedoch überzeugte er mit seiner stimmlichen und ausdrucksstarken Bühnenpräsenz.
Schließlich zu Oliver Sailer, dem Hauptdarsteller dieser Premiere: Der gebürtige Tiroler, ehemaliger Wiltener Sängerknabe und Ensemblemitglied des Tiroler Landestheaters, wird sich der Last bewusst gewesen sein, die auf seinen Schultern ruhte, um diese herausfordernde Partie erfolgreich über die Rampe zu bringen. Nun, er hat nichts anbrennen lassen, hat stimmlich seine Rolle sehr gut ausgefüllt und auch darstellerisch sehr engagiert gewirkt. Vielleicht war es ein wenig der Premierenstress, oder die so überzeugende Präsenz (auch in der französischen Aussprache) seiner beiden Co-Protagonisten, die den Eindruck hinterließen, dass bezüglich künstlerischer und darstellerischer Ausdruckskraft noch etwas Luft nach oben besteht. Ein noch relativ junger Sänger wie er wird wahrscheinlich mit jeder Aufführung noch besser und mit der Rolle weiter wachsen.
Großer Jubel im Publikum für alle Beteiligten beschließt einen Opernabend, der auch als Einstieg ins Genre durchaus zu empfehlen ist.
Fotorechte: Barbara Pállfy
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