Literarische Korrespondenz:
Albert Schwarzmann an schoepfblog
Betrifft:
Gedanken zur Entscheidung der Schützen,
keine Frauen als Gewehrträgerinnen zuzulassen.
Die Schützenfunktionäre haben also entschieden, und meine Verwunderung über den Ausgang der Abstimmung, ob Frauen als Gewehrträgerinnen zugelassen werden sollen, hält sich in engen Grenzen. Als Außenstehender interessiert mich der Diskussionsprozess und vor allem mit welchen Mitteln dieser geführt wurde und wird.
Als jahrzehntelanger Blasmusiker und Kapellmeister hatte ich regelmäßig Berührungspunkte mit den Schützen und im Wesentlichen stets ein unproblematisches Verhältnis zu deren Mitgliedern, auch wenn ich eine Reihe ihrer Anschauungen nicht teile. Ich denke, dass die allermeisten von ihnen vor allem in einem Verein Gemeinschaft erleben wollen, traditionsaffin sind und glauben, durch ihre Mitwirkung einen positiven gesellschaftlichen Beitrag zu leisten.
Der ideologische Diskurs findet meines Erachtens eher in einer Funktionärsblase statt, gefördert und beeinflusst durch politische Akteure aus dem konservativen Lager. Die TT zitiert vom 23.01.2026 LH Anton Mattle: Vereine sollen in Tirol frei von politischer Einflussnahme arbeiten können! Inwieweit gilt das bei den Schützen, Musikkapellen oder der Landjugend/ Jungbauern?
Mich begeistert der Gedanke, Frauen mit Gewehr bei den Schützen ausrücken zu sehen, nicht unbedingt. Ich denke mir, warum wollen die ausgerechnet bei jenen mitmachen, die sie großteils in dieser Rolle eh nicht dabei haben wollen? Aber darf man es ihnen deswegen verwehren? Nur weil es mir nicht gefällt? Nur weil es viele stört? Weil es die Tradition verlangt? Wer ist die Tradition? Wer entscheidet, was Tradition ist? Steht Tradition über geltendem Recht?
Die TT widmete dem Thema eine große Berichterstattung und zog sogar einen Historiker zu Rate, der belegte, dass in den Reihen der Schützen kämpfende Frauen, also Schützinnen, historische Realität waren. Wenn man also an den Aufstand von 1809 anknüpft, waren Schützinnen schon einmal Realität und die Argumentation der Landes-Schützenfunktionäre Saurer & Co. von der gewachsenen Tradition schlicht eine Propagandalüge.
Was ist da Tradition?

Wenn man allerdings in Betracht zieht, dass viele Schützenvereine erst in der Mitte des 19. Jh. und noch später gegründet wurden, um bei Prozessionen und sonstigen Festivitäten auszurücken und in dieser Zeit die Frauen generell in das private Leben zurückgedrängt wurden, stellt sich die Frage, warum gerade die gesellschaftliche Struktur im Hinblick auf Frauen in der Mitte des 19. Jahrhunderts eine Tradition begründen soll?
Ist es nicht reine Willkür, sich einen bestimmten Zeitraum herauszupicken und dessen Gesellschaftmodell als bewahrungswürdige Tradition zu proklamieren? Sollte Traditionsliebe nicht im Bewahren von etwas als gut und bewährt Anerkanntem bestehen, das nicht bei jeder Gelegenheit neu hinterfragt werden muss? Ist es nicht ein Missbrauch des Vertrauens traditionsaffiner Menschen, wenn man mit dem Argument der Tradition lediglich einen bestimmten Standpunkt durchzusetzen versucht und damit einen Diskurs über Sinn und Richtigkeit unterbindet?
Angesichts der historischen Fakten wäre das Argument der Tradition klar widerlegt und die Behauptung einer gewachsenen Tradition eine Dreistigkeit in bester Trump´scher Manier, einfach alternative Fakten oder verständlicher: Fake News in die Welt zu setzen.
Was ist da Demokratie?

Landeskommandant Saurer hebt den demokratischen Prozess der Entscheidungsfindung zum Thema Waffen tragende Schützinnen hervor und spricht von einem basisdemokratischen Vorgang. Man möchte aufgrund dieser Aussage meinen, dass alle Mitglieder der Tiroler Schützenkompanien zu dieser Abstimmung aufgerufen worden wären und bei hoher Wahlbeteiligung ein eindeutiges Ergebnis geliefert hätten.
Basisdemokratie läuft bei den Schützen etwas anders ab. Basis sind da die Funktionäre, nicht das Fußvolk. Das Kanonenfutter hatte nicht abzustimmen. Die Funktionärsblase (siehe das Abstimmungsergebnis) ist Basis genug und führte den sattsam bekannten Beschluss herbei. Auch hier: Basisdemokratisch, wieder eine Propagandalüge! Warum denke ich da schon wieder an Donald Trump?
Öffentliche Kritik an der Entscheidung der Schützenfunktionäre kommt auf, der Grüne Gebi Mair fordert gar einen Ausschluss der Frauen diskriminierenden Schützen vom Landesüblichen Empfang, und die Landesschützenhäuptlinge verbitten sich daraufhin das Hineinregieren in eigenständige Vereine.
Die Tiroler Schützenkompanien sind als selbständige Vereine organisiert und sind ihrerseits wieder Mitglieder im Landesverband. Rein rechtlich entscheidet der einzelne Verein autonom nach seinen Satzungen, in denen Aufnahme, Rechte und Pflichten der Mitglieder geregelt sind. Der Tiroler Schützenbund als Dachorganisation hebelt hier die Vereinsautonomie der einzelnen Kompanien aus und legt für alle ein einheitliches Reglement fest.
In anderen Vereinsstrukturen wäre das nicht möglich, es sei denn, die Mitgliedsvereine einer Dachorganisation beschließen für sich, den Vorgaben ihrer Dachorganisation zu folgen. Es wäre interessant zu untersuchen, ob diese Praxis des Schützenbundes rechtlich in Ordnung ist, mit Basisdemokratie dürfte sie jedenfalls kaum etwas zu tun haben.
Erinnern wir uns nochmals an das Zitat von LH Mattle: Vereine sollen in Tirol frei von politischer Einflussnahme arbeiten können!“ Was ist diese Aussage hier wert?
Die Entscheidung über die Zulassung von Frauen zu bestimmten Tätigkeiten ist eine gesellschaftspolitische und somit eine politische Entscheidung. Die Entscheidung wurde von einem Funktionärszirkel unter Aushebelung der Vereinsautonomie getroffen. Wenn das keine politische Einflussnahme ist, was dann?
Und welchen Unterschied macht es, ob Funktionäre mit entsprechendem Naheverhältnis zu politischen Kräften hier die Mitglieder ihrer Vereine gesellschaftspolitisch beeinflussen oder sich Politiker zu gesellschaftlichen Themen äußern? Die Funktionäre beeinflussen in der Regel effizienter, sie sind näher bei den einfachen Mitgliedern, ihnen wird mehr vertraut, ohne die Dinge kritisch zu hinterfragen. Die Funktionäre setzen ihre Spins (siehe Propagandalügen oben!), die Mitglieder vertrauen ihnen, und bestimmten politischen Kräften spielt das genau in die Karten. Natürlich wollen die nicht, dass kritische Stimmen aus anderen Lagern in ihren Einflusszonen für Unruhe sorgen.
Nochmals zu Mattle: Vereine sollen in Tirol frei von politischer Einflussnahme arbeiten können! Sein Vorgänger Günther Platter hat als aktiver Landeshauptmann und ÖVP-Obmann von Tirol die Präsidentschaften bei Schützen, Blasmusik und Trachtenverband übernommen und aktiv in Richtung einer konservativen Gesellschaftspolitik beeinflusst.
Die Rechtslage

Der Landesübliche Empfang hat erst unter seiner Schirmherrschaft ein festgelegtes Zeremoniell und überhaupt Eingang in die Landgemeinden gefunden. Ich habe als jahrzehntelanger Blasmusiker und Kapellmeister diesen Begriff früher nie gehört. Der dabei aufgeführte Präsentiermarsch ist kein historisches Musikstück, sondern wurde vom ehemaligen Tiroler Militärkapellmeister Hans Eibl für das Österreichische Bundesheer unter Verwendung des altösterreichischen Generalmarsches komponiert und war für zivile Tiroler Blasmusikkapellen nicht einmal erhältlich.
Ich bin überzeugt, dass auch die Bezeichnung Landesüblicher Empfang sich historisch nicht in die Monarchie zurückverfolgen lässt. Erstens klingt der Begriff sehr nach Beamtendeutsch vergangener Jahrzehnte in der Zweiten Republik, zweitens ist er mir bis zur Jahrtausendwende trotz vielfältigster Berührungspunkte in dieser Szene nie untergekommen. Das ist natürlich kein Beleg, allerdings fand ich bis dato auch keine historischen Dokumente oder Artikel dazu.
Historisch ist, dass Musikkapelle und Schützen zum Empfang hoher Gäste ausrückten, um ihnen ihre Reverenz zu erweisen. Ich lasse mir gerne anderes beweisen, aber bis dato betrachte ich auch den Landesüblichen Empfang in dieser Form als Propagandalüge. Soll ich nochmals Anton Mattle zitieren? Da bleibt wohl nur Pater Antons frommer Wunsch übrig.
Was mich bei diesem Thema noch irritiert, ist die Tatsache, dass eine inhaltliche Argumentation des Innsbrucker Universitätsprofessors und Europarechts-Experten Walter Obwexer von Schützenfunktionären und Landespolitikern schlicht und einfach ignoriert wurde.
Obwexer wies darauf hin, dass in der EU ein Grundrecht auf Gleichbehandlung zwischen Männern und Frauen gültig sei, welches auch in Vereinsstatuten anzuwenden sei und riet deshalb den Schützen explizit, ihre Statuten dem geltenden Recht anzupassen (https://tirol.orf.at/stories/3319603/ vom 30.08.2025).
Die Rechtslage ist offenbar nicht brandneu, da verwundert es dann einigermaßen, dass die zuständigen Landesbehörden die betroffenen Vereine nicht von Amts wegen aufgefordert haben, ihre Statuten dem geltenden Recht anzupassen. Auch nach der Abstimmung der Schützenfunktionäre äußerte sich Obwexer nochmals und wies darauf hin, dass Frauen ihr Recht im Klagswege erfolgversprechend einfordern könnten. Er wurde abermals ignoriert, frei nach dem Motto Was kümmert mich das Recht, wenn ich eine (vermeintliche) Tradition bewahre!
Spätestens hier sehe ich die Politik sehr wohl gefordert, zu gesellschaftspolitischen Fragen Stellung zu beziehen: Darf Tradition alles, weil es Tradition ist, steht sie über dem Gesetz? Steht Tradition über unseren gegenwärtigen gesellschaftlichen Normen? Darf Tradition Rechte einschränken oder außer Kraft setzen? Wenn ein renommierter Jurist eine Rechtswidrigkeit von gesellschaftspolitischer Relevanz öffentlich konstatiert, was soll ich von Politikern halten, die sich einfach wegducken und durch Schweigen versuchen, ein Thema abzuwürgen und auszusitzen?
Die von Obwexer angesprochene und bislang unwidersprochene Diskriminierung von Frauen bei den Schützen besteht ja nicht erst seit der kürzlichen Abstimmung. Sie wurde auf Landesebene durch Regierung und Administration nicht nur stillschweigend goutiert und offenbar wissentlich auch noch finanziell gefördert. Die Devise war und ist offensichtlich: Recht hin oder her, man macht einfach weiter wie bisher. Wer zu seinem Recht kommen möchte, muss den oft beschwerlichen und risikobehafteten Weg einer Klage gehen. Beispiele kennt die jüngere Geschichte Tirols zur Genüge: Schischulen, Agrargemeinschaften, Grundverkehr etc. etc.
Da stellt sich eine weitere Frage: Wie hält es der Landeskommandant der Tiroler Schützen, im Brotberuf Landesbeamter, Hofrat Thomas Saurer mit dem Recht, dem er als Beamter verpflichtet ist? Müsste er nicht Diskriminierung in seinem Wirkungsbereich verhindern?
Mir ist es in diesem Zusammenhang allgemein völlig unverständlich, wie Menschen, die als Beamte oder Politiker einen Eid auf die Republik Österreich abgelegt haben, einem Orden (z. B. St. Georgs Orden) beitreten können und dessen Großmeister Karl Habsburg mit „Seine Kaiserlich Königliche Hoheit“ titulieren und hierbei gegen geltendes Recht verstoßen. Genauso unverständlich ist es, wenn auf die Republik angelobte Landespolitiker das Galakonzert der Tiroler Kaiserjägermusik besuchen und zur Kaiserhymne aufstehen (siehe auf Youtube.com). Ich würde mit meiner republikanischen Einstellung da nicht einmal mitspielen.
Landesüblicher Empfang

Nun zum Grünen Gebi Mair, der gefordert hat, die Schützen vom Landesüblichen Empfang auszuschließen, sofern sie weiterhin Frauen diskriminieren. Sorry Gebi Mair, ich finde diese Forderung völlig unnütz. Ein Landesüblicher Empfang ohne Schützen ist kein Landesüblicher Empfang mehr, sondern allenfalls ein musikalisches Ständchen einer Musikkapelle.
Ich würde vielmehr fordern, den Landesüblichen Empfang komplett zu streichen, als vorgestriges Relikt einer einstmals feudalen Gesellschaft, in der die braven Untertanen den Obrigkeiten devot ihre Aufwartung machten, zudem obrigkeitshörige Floskeln und Rituale aus dem Zeremoniell des Landes zu eliminieren, wie z. B. die vorrangige Begrüßung der „Hohen“ Geistlichkeit und Ähnliches, das Obrigkeits- und Untertanenverhältnisse suggeriert. All das passt meiner Meinung nach nicht zu einem stolzen und freien Tiroler bzw. ausdrücklich auch Tirolerin, die in diversen Sonntagsreden immer wieder propagiert werden.
Weiters würde ich fordern, Vereine und Institutionen, die Frauen diskriminieren, von öffentlichen Subventionen auszuschließen, wobei das in einem rechtsstaatlichen Verfahren festgestellt werden muss. Das Land müsste ein derartiges Subventionsverbot auch den Gemeinden vorschreiben.
Was wird wohl passieren? Wahrscheinlich nichts. Die ÖVP wird andere Meinungen weiterhin ignorieren, der Antrag der Grünen (LHStvin. Ingrid Felipe hat sich auch bei vielen Landesüblichen Empfängen brav im Dirndl präsentiert!) im Landtag wird abgeschmettert, die SPÖ macht aus Koalitionsräson auf Ministrant, NEOS und Fritzen haben da kaum was zu gewinnen, und die FPÖ fischt sowieso im Teich der Reaktionären, was wiederum zum Verharren der ÖVP beiträgt. Und die Welt dreht sich weiter.
PS: Der Aufruf zum Boykott des Landesüblichen Empfangs durch Alois Schöpf könnte Wirkung entfalten, sofern sich genügend mutige Musikantinnen und Bürgerinnen finden.
Illustrationen: KI-generiert
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