Albert Schwarzmann
Das 6. Symphoniekonzert
des Tiroler Symphonieorchesters Innsbruck
unter dem Motto
„Tausendundeine Nacht“
Besprechung
Das 6. Symphoniekonzert dieser Saison im Saal Tirol des Congress Innsbruck mit dem Tiroler Symphonieorchester Innsbruck bezog sein Motto vom Hauptwerk des Abends, der Sinfonischen Suite Scheherazade von Nikolai Rimski-Korsakow aus der Märchensammlung Tausendundeine Nacht.
Dem vorangestellt waren im ersten Teil weitere märchen- bzw. sagenhafte Frauengestalten, Ophelia, die tragische Figur aus Shakespeares Hamlet, und die biblische Prinzessin Salome, beide in Vertonungen der französischen Komponistin Mélanie Bonis, Schülerin von César Franck und Studienkollegin von Claude Debussy. Mit dem Violinsolisten Guido Sant’Anna wurde aber auch der legendären Opernfigur Carmen gedacht, deren melodisches Material Pablo de Sarasate in einer Fantasie zu einem eindrucksvollen Solowerk für die Geige gestaltete.
Die Überraschung des Abends für den Rezensenten stand gleich am Beginn des Programms, die beiden je knapp fünfminütigen Werke Ophélie und Salomé von Mélanie Bonis aus Trois Femmes de légende.

Komponistinnen hatten im 18. und 19. Jahrhundert aufgrund der gesellschaftlichen Zwänge ihrer Zeit kaum Möglichkeiten sich zu entfalten und zu wachsen. Mélanie Bonis erlangte zu Lebzeiten dennoch großes Ansehen, zumindest in Frankreich, geriet jedoch in Vergessenheit. Sehr zu Unrecht, wie die beiden beeindruckenden Orchestersätze zeigen.
Stilistisch in der französischen Spätromantik mit impressionistischen Anklängen angesiedelt zeichnet die Komponistin musikalisch die Charaktere der beiden Frauengestalten aus ihrem Empfinden als Frau und muss dabei den Vergleich mit ihren berühmten männlichen Zeitgenossen Saint-Saens, Debussy, Dukas und Ravel nicht scheuen. Diese Musik gehört viel öfter aufs Podium!
Der französiche Dirigent Adrien Perruchon leitete das TSOI souverän und präzise mit sehr guter Kommunikation zum Orchester. Dieses präsentierte sich klangschön und gut ausbalanciert. Vielleicht lag es an der Unbekanntheit dieser Musik, vielleicht auch an derer ersten Position im Konzertprogramm, dass in manchen Passagen der Ophélie der Wunsch nach mehr Expressivität, klanglicher Intensität und mehr an die Kante gehen nicht ganz erfüllt wurde und die tänzerischen Teile in der Salomé nicht ganz das Maximum an Spritzigkeit und gefühlter Leichtigkeit erreichten.

Die Vita des 21-jährigen brasilianischen Geigers Guido Sant’Anna weckte hohe Erwartungen, denen er vollends gerecht wurde. Neben außerordentlichem handwerklichen Können auf seinem Instrument beeindruckte er durch hohe künstlerische Ausdruckskraft und Reife, Klangsinn und Bühnenpräsenz. Dass er Stücke von Pablo de Sarasate, selbst ein großer Violinvirtuose, am Programm hatte, die äußerst publikumswirksam sind, machte seinen Auftritt zum Erlebnis.
Die Ohrwürmer aus Georges Bizets Opernerfolg in einer Carmen-Fantasie so verarbeitet, dass der Geiger dabei alle Register seines Könnens ziehen kann und sich gleichzeitig als ausdrucksstarker Musiker präsentiert: das hat schon Raffinesse! Die anschließenden Zigeunerweisen erinnerten in ihrer Machart an den berühmten Csardas von Vittorio Monti, allerdings mit mehr Tiefe und Intensität im Ausdruck.
Adrien Perruchon begleitete mit dem TSOI sehr präzise und gut abgestimmt und ließ erkennen, dass er auch ein sehr guter Operndirigent sein muss, den kein Rezitativ in Verlegenheit bringen kann. Der berechtigte Jubel für Sant’Anna führte noch zu einer hörenswerten Zugabe, Fritz Kreislers Recitativo und Scherzo für Violine solo.

Nach der Pause folgte dann das große Orchesterwerk Scheherazade. Das TSOI präsentierte sich gut ausbalanciert und klangschön, jetzt auch mit mehr Expressivität und Leidenschaft als zu Beginn des Konzerts. Adrien Perruchon dirigierte auswendig, wählte gute Tempi, reizte auch manche Grenze aus und erreichte eine spannende Interpretation des Klassikers.
Das Werk hat eine Fülle an Soli, angeführt von der Violine, sodann im Cello und in allen Blasinstrumenten. Hier erwiesen sich die Musiker und Musikerinnen des TSOI durch die Bank als sattelfest und versiert.
Hervorgehoben seien besonders Konzertmeister Martin Yavryan, der nach dem großartigen Violinsolisten des ersten Teils dennoch sehr zu überzeugen wusste, ebenso der Solocellist Leonardo Sesenna, der Fagottist Alejandro Fela und als langjähriges „Schlachtross“ an der Solooboe Konrad Zeller.
Fazit: Ein erlebenswerter Abend, der heute Abend 20.00 Uhr wiederholt wird. Hingehen!
Fotorechte: WE FEEL
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